ein Gastbeitrag von Mag.a Sabine Prohaska

Alle nachfolgend beschriebenen Interventionen, um einer Person oder einem Team mit Humor eine neue Sichtweise auf ein Problem oder eine Situation zu eröffnen, haben eins gemein: Es ist enorm wichtig, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wann sie genutzt oder nicht genutzt werden können. Zudem sollte der Berater oder Coach selbst ausgeglichen und relaxt sein. Sonst bekommen humorvoll gemeinte Aussagen schnell einen sarkastisch und somit verletzenden Unterton.

Mehr zum Thema „Humor im Business“ finden Sie in meinem ersten Artikel dazu.

Methode 1: Das Welt- oder Selbstbild sanft karikieren

Eine Technik, die wir im Alltag, bei Freunden und Verwandten, oft intuitiv anwenden, ist das „liebevoll auf die Schippe nehmen“. Hierfür ein Beispiel: Ein Ehemann jammert seit Tagen darüber, er werde alt und sei immer weniger leistungsfähig. Seine Frau hört ihm zunächst geduldig zu, versucht ihn vom Gegenteil zu überzeugen und bemitleidet ihn – ohne Erfolg. Intuitiv greift sie deshalb irgendwann zur „Medizin Humor“, um sein Selbstmitleid zu stoppen. Als er erneut jammert, erwidert sie augenzwinkernd: „Ich habe mich schon für einen Kurs ‚Pflege von älteren Angehörigen‘ angemeldet, damit ich dich versorgen kann. Außerdem sollten wir einen Rollstuhl besorgen. Vielleicht wäre auch ein Termin bei der Krankenkasse gut, um deine Pflegestufe zu ermitteln, damit wir Pflegegeld für dich beantragen können.“

In diesem Beispiel steigt die Frau in das Welt- beziehungsweise Selbstbild des Ehemanns ein und überzeichnet es sanft – sprich mit einem Augenzwinkern. Dadurch wird ihrem Mann klar, dass sein Selbstmitleid überzogen ist. Er wird wachgerüttelt und denkt über sein Verhalten nach.

Ein Beispiel aus dem Beratungsalltag: Eine Klientin, die Bürokauffrau Frau Müller, vertraut ihrem Berater an, sie leide darunter, dass sie so gutmütig sei und zu oft vorschnell „Ja“ sage. Und sie habe das Gefühl, ihre Kollegen nutzten dies aus. Immer würden zeitaufwändige Arbeiten bei ihr abgeladen. Hier könnte eine humorvolle Intervention des Beraters sein – vorausgesetzt die Beziehung stimmt: „Frau Müller, Ihre Kollegen freuen sich sicher darüber, dass Sie so hilfsbereit sind. Sie sind ja fast so selbstlos wie eine Heilige. Ich möchte Sie jedoch darauf hinweisen, dass die Heiligen früher alle nicht gut endeten – denken sie an die Märtyrer. Es wäre doch schade, wenn Sie morgen einen Burnout erlitten und … Deshalb empfehle ich Ihnen, …“ Eine solche Überzeichnung könnte ein Anstoß für eine Verhaltensänderung sein, so dass Frau Müller nicht stets „Ja, ich mach’s“ sagt.

Methode 2: Negatives umdeuten

Ist ein Glas halb leer oder halb voll? Wie wir eine Situation bewerten, hängt von uns ab. Wir können selbst bestimmen, ob wir sie eher aus einem negativen oder positiven Blickwinkel betrachten. Für fast jede negative Situation gilt: Wenn wir sie aus einer anderen Perspektive betrachten, erscheint sie in einem anderen Licht. Ähnlich wie ein Bild, das wir in einen anderen Rahmen stecken: Es wirkt meist anders. Dieses Umdeuten fällt Klienten in „Krisensituationen“ oft schwer. Denn dann stecken sie in einer Perspektive fest und schaffen es alleine nicht, die Situation neu zu deuten. Also brauchen sie einen Anstoß von außen.

Ein Beispiel dafür, wie hilfreich ein humorvolles Umdeuten sein kann: Frau Huber, eine 45-jährige Bürokauffrau, ist seit einem Jahr arbeitslos. Sie lässt sich im Rahmen eines Outplacements coachen, weil sie gerne wieder als Sekretärin arbeiten möchte. Sie ist total frustriert. Denn sie wird zwar regelmäßig zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, doch sie erhält nie eine Jobzusage. Die Atmosphäre in der Coachingsitzung wird immer düsterer und schwerer, je länger Frau Huber ihre erlittenen Kränkungen schildert. Und ganz nebenbei klagt sie auch noch darüber, dass sie Single sei und gerne wieder einen Partner hätte. An diesem Punkt ergreift die Beraterin das Wort und fragt Frau Huber: „Führen Sie die meisten Vorstellungsgespräche mit Männern?“ Diese ist etwas erstaunt über diese Frage, bejaht sie aber. Daraufhin schlägt die Beraterin der perplexen Bürokauffrau vor: „Betrachten Sie die Bewerbungsgespräche doch als ‚Blind Dates‘ im Rahmen Ihrer Partnersuche. Nehmen Sie die Interviewer ebenso unter die Lupe, wie diese es mit Ihnen tun.“ Frau Huber solle zum Beispiel schauen: Trägt mein Gesprächspartner einen Ehering? Hält er beim Sprechen Blickkontakt? Ist er ein eher sportlicher Typ oder nicht? Zum ersten Mal in der Coachingsitzung muss Frau Huber herzhaft lachen.

Dieses Umdeuten hat zumindest die Beratungssituation aufgelockert. Vielleicht hat es aber auch eine nachhaltigere Wirkung. Vielleicht denkt Frau Huber im nächsten Bewerbungsgespräch tatsächlich an das Stichwort „Partnersuche“ und geht lockerer und entspannter in das Gespräch. Dadurch verbessert sich ihre Ausstrahlung und ihre Chance auf eine Jobzusage steigt.

Methode 3: Das Problem verschlimmern

Ein weiteres Mittel, um beim Gegenüber festgefahrene Sichtweise zu lockern, sind paradoxe Fragen und Aussagen. Also statt zu fragen: „Wie lösen wir das Problem?“, beispielsweise zu fragen: „Wie verstärken wir das Problem?“ Eine solche Intervention löst beim Gegenüber oft eine problemlösende Gegenreaktion aus. Eine Erfahrung, die zum Beispiel auch Eltern oft sammeln: Wer Kinder bittet, mit dem Schreien aufzuhören, wird wahrscheinlich wenig erfolgreich sein. Wer hingegen Kinder auffordert, noch lauter zu schreien, merkt in der Regel bald: Das Schreien verebbt.

Überraschen Sie also in heiklen Situationen Ihr Gegenüber zuweilen mit scheinbar paradoxen Fragen oder Aufforderungen. Fragen Sie zum Beispiel: „Wie könnten Sie es erreichen, noch schlechter zu schlafen?“ Oder: „Was müsstest Du tun, damit Du endlich einen Burnout erleidest?“ Oder: „Wie erreichen Sie es totsicher, dass Ihr Chef Sie entlässt?“

Methode 4: Dem Gummibaum lauschen

Hilfreich für einen Perspektivwechsel sind auch Dissoziationen. Das heißt, sich quasi von außen zu betrachten und sich zu fragen: „Wie sehen mich andere?“ Dadurch wird ein schärferes Bewusstsein für die eigenen Verhaltensweisen erreicht. Dieses bringt wiederum neue Sichtweisen hervor und setzt Reflexionsprozesse in Gang. Das ist wichtig, um festgefügte Denk- und Verhaltensstrukturen aufzubrechen.

Typische Fragen dazu wären: „Was glauben Sie, was Ihr Kollege X denkt, wenn er Sie so aufgebracht sieht?“ Oder: „Was würde Ihr Chef zu diesem Problem sagen?“. Oder: „Was würde Ihnen Ihre Mutter in dieser Situation raten?“

Zu dieser eher ernsten Betrachtungsweise gibt es auch humorvolle Alternativen. Zum Beispiel: „Was würde mir der Gummibaum in Ihrem Büro über die Kommunikation in Ihrer Abteilung erzählen?“ Oder: „Wie würde Ihr Computer Sie beschreiben?“

Humor nur sehr selektiv und gezielt einsetzen

Humor in heiklen (Gesprächs-)Situationen als Instrument zum Lösen von Spannungen und Eröffnen neuer Perspektiven zu nutzen, ist eine schmale Gratwanderung. Prüfen Sie deshalb, bevor Sie sich für den Einsatz dieses Instruments entscheiden, stets: Wie tragfähig ist meine Beziehung zum Coachee oder Klienten? In welcher mentalen Verfassung ist er? Und: Was verrät mir seine Körpersprache? Ist er beispielsweise innerlich kurz vorm „Platzen“, dann sollten Sie auf Humor verzichten. Ebenso ist es, wenn Sie spüren: Es kostet Ihr Gegenüber viel Überwindung, sich Ihnen zu öffnen. Entsprechendes gilt, wenn Sie selbst unsicher sind, ob Humor ein geeignetes Instrument zum Lösen der Spannungen und Eröffnen neuer Perspektiven ist. Dann sollten Sie auf seinen Einsatz verzichten. Denn Humor ist kein einfach zu handhabendes Interventionsinstrument. Aber manchmal – und mit der erforderlichen Übung – ein sehr wirkungsvolles.

Zur Autorin: Sabine Prohaska ist Inhaberin des Trainings- und Beratungsunternehmen seminar consult prohaska, Wien, das unter anderem Trainer und Coaches ausbildet (Internet: www.seminarconsult.at).

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